Vom Zauber des Betrachtungswinkels

Heute Nachmittag, auf dem Weg hin zu meinen Besorgungen trat (wieder einmal) das ein, was sich bereits Heiligabend abzeichnete: Der Hinterreifen meines Fahrrades will nimmer. Tags zuvor reichte freundlich gespendete frische Luft, um mich zumindest über die Feiertage gesund von A nach B zu bringen- aber heute, heute zeigte er mir dann doch die Rote Karte. Alle paar Meter musste ich anhalten, um nachzupumpen- und nachdem ich mich auf dem Weg aufgrund des anderen Fahrverhaltens des labilen Reifens fast lang gelegt hätte, ergab ich mich- und brauchte den Drahtesel zum Fahrraddoktor meines Vertrauens. Mehr auf der Felge denn richtig stabil schieb-fahrend komme ich ziemlich erschöpft an.

Dort die Info: „Nee, sorry, ein Leihrad haben wir zur Zeit leider keins für Dich…übermorgen kannst es wieder raus holen.“ Ich bedanke mich freundlich, wenngleich innerlich zähneknirschend.

Eigentlich kann ich das jetzt so gar nicht gebrauchen- schließlich muss ich noch so viel erledigen: Großeinkauf, etwas abholen, zur Bank im komplett entgegen gesetztem Stadtteil, heute Abend eigentlich ein Treffen mit Freunden in einer Kneipe, und und und…. Mein Puls jagt hoch bei der Vorstellung, all das am besten noch heute zu erledigen. Mein innerer Antreiber Beeil Dich fordert lautstark sein Recht ein. Beim Warten auf den Bus dann ein tiefer Ausatmer:; ja, vielleicht gar ein innerer Dialog:

Warum mache ich mir gerade eigentlich diesen Stress? Ich habe FREI, keine festen Termine, das ist MEINE Zeit. Eigentlich logisch, dass es in mir gerade rebelliert…

Und so lächle ich und entschließe mich spontan, jetzt NICHT noch umständlich durch die Stadt zu gurken, um etwas abzuholen, was vermutlich eh mit negativen Erinnerungen/ Entscheidungen verknüpft sein wird.Nein, erst einmal fahre ich heim, genieße die frische Luft unterwegs, beobachte dabei ein Eichhörnchen, welches höchstkonzentriert eine Nuss öffnet, bringe die Fahrradtaschen heim, mache mir einen Cappuccino- und lese bei Kerzenschein endlich einen Fachartikel.

Eile mit Weile, mein neues Motto…und ganz tief in mir das Vertrauen, dass sich schon alles irgendwie finden wird.

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Macht Euer Kreuz…

In den letzten Monaten und Wochen wurden wir ja quasi zugespamt mit politischen Talkrunden. In vielen Gesprächen hörte ich viel Unzufriedenheit heraus. Eine Unzufriedenheit, die ich in vielen Bereichen teile. Trotzdem- oder gerade deshalb habe ich heute meine Stimme abgegeben. Weil ich nicht auf die resignierten Stimmen hören wollte, die behaupten, dass wir eh nichts ändern könnten…

Doch! Wir bestimmen mit, wer zukünftig uns vertreten darf.  Ich hoffe nur, dass die „Pöbler“ nicht zu viel Zuspruch bekommen. Mögen wir aus unserer Geschichte gelernt haben…

Modepolizei

Eben im überfülltem Discounter machte mich eine Frau darauf aufmerksam, dass mein Rock sich scheinbar nach meiner Anfahrt mit dem Drahtesel teils in meinem Po verirrt habe. Das sähe nicht „so vorteilhaft „ aus, so ihre Aussage. Ihre Worte untermalte sie liebevoll mit einem Hauch von dezenter „Fahne“.

Heidi ist mittlerweile überall.

 

Ein-Tags-Fliegen-Kontakte

..welche zunächst viel versprechend begannen, dann jedoch aber aus zumeist unbekannten Gründen genau so schnell wieder endeten können- trotz des Schmerzes, der wegen des (neueren) Verlustes mitschwingt auch etwas Positives, Inspirierendes haben:

Lud es doch dazu ein, mich in die Wortjongliereien zu stürzen.

Heraus kam dabei ein langes Beschwerdeschreiben an ein Fahrradgeschäft, welches ziemlich mies mit mir umgegangen war vor langer Zeit sowie

Ein Kurzkrimi, entworfen aus 5 Stichworten- ein Schreibwettbewerb einer Zeitschrift. Beides gerade frisch auf postiale Reisen geschickt.

Weitere Projekte folgen.

Hach, ein cooles Gefühl !

Über den Zauber der Musik

Es war ein kleines Wunder. MEIN persönliches Wunder des Tages. Denn plötzlich lag es in meinen Händen: ein Buch, in dem ein Erfahrungsbericht eines Musiktherapeuten mich zutiefst berührte.

Und ehe ich mich versah, strahlte es IN mir. Denn ich sah sie vor mir:

Sie, das war eine hochbetagte, ältere Dame. Über 90 Jahre verweilte sie auf dieser, unserer Welt. Viel hatte sie gesehen, gehört, ja, auch gespürt.

Die Demenz und gewiss auch das ein oder andere Kriegstraumata, so die Prognose des Pflegeteams schien sie im wahrstem Sinne des Wortes … sprachlos gemacht zu haben. Oft versuchte ich nonverbal mit ihr zu kommunizieren. Doch… es fühlte sich so… unbefriedigend an.

Eines Tages, die Sonne schien herrlich- und so öffnete ich die Türen  der Gemeinschaftsterrasse unserer Station weit, zupfte einige Töne auf meiner Gitarre, stimme die ein oder andere alte Weise an, improvisiere etwas. Zunächst selbst etwas unsicher, da noch totale Anfängerin, doch ich spürte, dass nach und nach…die Runde größer wurde. Zaghaftes Summen erfüllte die Luft. Leute lassen sich nieder,atmen durch, ja, fast, als würde die Zeit für eine Weile still stehen. Der Gesang wird lauter, mutiger. Die Dymnamik steckt an. Die Freude überwindet die Unsicherheit vor schiefen Tönen. Liederwünsche werden geäußert, manches wird a capella angestimmt. Lachen. Gelöstheit. Nach einer guten Stunde leite ich sanft und tief bewegt das Ende der heutigen Singrunde an. Im Zusammenräumen meines Materials dann höre ich es:

Ein hauchzartes Stimmchen, welches noch voll „drin“ zu sein scheint. Sie schien erst später von einer Kollegin in unsere Nähe geschoben worden zu sein- in ihrem Rolli sitzend saß sie etwas abseits vom Geschehen.

Ich blicke auf – und sehe sie. Tränen laufen ihr über die Wangen- doch… sie strahlt- und schaut mir direkt in die Augen. Ich bekomme ein Gänsehaut. Und so setze ich mich zu ihr. Ergänze ihre Melodie. Sie ergreift meine Hand- und gemeinsam wiegen wir uns in dem Zauber des Moments. Vielleicht auch der Erinnerungen…?

Diese und noch manch eine andere Begegnung haben etwas in mir zum (Wieder-)Erklingen gebracht. Es ermutigt mich, den Weg zu gehen, welcher schon lange in mir brodelt… Halleluja !!!

Reisefieber

Der Countdown läuft. Morgen ist der große Tag- einer, auf den ich lange, lange warten musste. Viel, viel Schweiß und Tränen habe ich in dieses „Projekt“ investiert.

Ein Abriß der vergangenden Tage:

Donnerstag:der Magen rebelliert in all dem Vorbereitungsstress so sehr, dass ich doch nochmal den Arzt aufsuche. Die Medis helfen- Gott sei Dank- aber machen unheimlich müde.

Freitag: Aus einem Nur-fünf-Minuten-Ausruhen wird daher ein richtiger Tiefschlaf- aus welchem ich mit einem eigenartigem inneren Gefühl hochschrecke- welches mir „sagt“, doch nochmal einen genaueren Blick in die Reiseunterlagen zu werfen. Verstörendes Ergebnis: es wurde ein Kofferabholservice dazu gebucht- bereits am nächstem Morgen soll dieser bei mir abgeholt werden. Blöd nur: bis dahin besaß ich noch keinen Koffer, diesen erhalte ich erst am Sonntag. Also zwei hektische Telefonate mit einem Callcenter, dort Abholtermin um zwei Tage verschoben, „Alles kein Problem, Frau x“- zwischendurch macht der Akku meines Telefons schlapp, also noch ein Anruf, um abzuklären, ob die Terminänderungen in dessen Dokumentationssystem übernommen wurden- ja, alles notiert. Erstes Aufatmen.

Samstag: In aller Frühe werde ich aus dem Bett geklingelt. Ein freundlicher Herr teilt mir mit, dass er gerne meinen Koffer abholen wolle. Wie, Terminverschiebung?? Nö, an ihn wurde nichts weiter geleitet. Angeblich hätte er auch keinerlei Kontaktdaten von mir (was nicht stimmt, Tel und Email habe ich angegeben ) Alternativtermin wird immerhin bestätigt, aber dabei erfahre ich, dass die angekündigte Uhrzeit ebenfalls falsch war-vormittags anstelle von mittags. Ob das für mich ginge. Innerlich sortiere ich meine Organisation. Verflixt, das wird sau knapp!!! Wie soll ich das alles nur schaffen?? Hilfeee !!! denke ich- lächle aber freundlich und antworte mit einem „Ja, das bekomme ich hin. Tut mir leid, dass Sie nun den Extra-Weg hatten.“

Die Person, von der ich den Koffer hätte bekommen sollen, macht windige Angaben zur Abholung, dies ist mir zu unsicher und so entschließe ich mich doch zu einem Neukauf.  Also Gang zur Bank, Geld ziehen, auf dem Rückweg kleinere Besorgungen, diese daheim abgeliefert, warm eingepackt- und zu Fuß zum nahe gelegenen Einzelhandel. Dort Koffer nebenst Trolley besorgt.

Sonntag: Packtag. Beim Anprobieren einer Strumpfhose piekt es plötzlich sehr unangenehm am Fuß- und es schwirrt mir eine höchst verärgerte Wespe !!! entgegen, die scheinbar ihren Winterschlaf ausgerechnet in diesem Kleidungsstück vollzogen hat. Ein Zweikampf beginnt-welchen ich nach ganzen 3 Std des Jagens für mich entscheiden kann. Frei nach mittelalterlichem Brauch (Insektenfreunde bitte kurz weghören!) dreiteile ich sie mit zittriger Hand, nachdem sie meine zuvorigen Flieg-in-die-Freiheit-Angebote gekonnt ignoriert hat. Erschöpft lausche ich mit halbem Ohr einem eher faden Hörbuch- und falle in einen unruhigen Schlaf.

Montag: Der Wecker klingelt sehr früh. Habe ich eigentlich geschlafen? Doch- ein paar sehr schräge Traumsequenzen kommen mir in Erinnerung…Koffermann hat sich ab 10 Uhr angekündigt, also zuvor im Tiefflug noch einen wichtigen Termin wahrgenommen, nicht ohne für den Fall der Fälle eine Notiz nebenst meiner Tel.nr für den Boten an die Klingel geklebt zu haben- pünktlich vor 10 Uhr wieder hier- und wieder heißt es Warten. Mittlerweile ist es halb 12 Uhr durch- um 12 Uhr soll der Zug fürs Gepäck abfahren. Ob ich das Monstrum nun doch morgen mitschleppen muss? Hoffentlich nicht ! Und in die Stadt müsste ich auch noch…. uff…. was tut man nicht alles für eine (hoffentlich baldige) Genesung…

Nachtrag:

Das Chaos um den Koffer zog sich leider bis in den späten Nachmittag. Im Laufe des Tages erfuhr ich, dass die Firma intern scheinbar schlecht kommuniziert hat- und den Auftrag irgendwie… verbaselt hatte. Nur durh viel Glück ging alles doch noch heute abend auf Reisen.

Erinnerungen gehen durch den Magen

Lange, lange stehe ich grübelnd vorm Kühlregal im Supermarkt meines Vertrauens.

Vor mir eine kleine, sehr lecker wirkende Packung Edelkäse, eingerahmt in einem Hauch Baconscheiben.

In mir tobt eine Ambivalenz:

Die eine Stimme sagt: „Mjam, mjam, gönn es Dir!“– die andere ist melanchonisch gestimmt.

„Erinnerst Du Dich? Damals mit x…“– und ich werde traurig.

Ja, das war eine üble Geschichte mit x. Ein ganz liebenswerter junger Mann, ebenfalls ein leidenschaftlicher Hobby-Schreiberling wie ich. Es entwickelte sich aus der Freundschaft eine Liebe, die ich leider nicht erwidern konnte- und ihm dies auch schweren Herzens mitteilte. Die Freundschaft blieb, jedoch distanzierter. Dann zog er um, um neu durch zu starten. Doch es sollte nicht so sein: Kurz nach dem Umzug wurde bei ihm eine schwere Erkrankung diagnostiziert. Es folgten mehrere OPs, ambulante Therapien… doch all das nützte nichts- keine 6 Monate nach der Diagnose verstarb er.

Ein ähnliches Gericht wie das aus dem Kühlregal hatte er mir damals in seiner Junggesellenbude serviert.

Das Tragische war:  Einige Monate vor seinem Tod bedrängte mich seine Mutter, ob ich nicht DOCH zu ihm kommen könnte. Und zumindest so zu TUN, als wären wir ein Paar. Er habe doch vermutlich nicht mehr so lang.

Heute, viele Jahre später weiß ich, dies war eine emotionale Erpressung.

Aber damals- da hat mich das in eine heftige Krise gestürzt.

Einem Schwerkranken die große Liebe vorzuspielen, obgleich ich selbst nicht so fühlte… das konnte ich nicht. Dabei hätte ich nicht nur ihn belogen- sondern mich selbst gleich dazu.

Ich habe den Käse gekauft. Und ihn gerade mit Genuss und ohne schlechtes Gewissen genießen können.Dabei schicke ich ein Lächeln gen Himmel- in der Hoffnung, dass er, der liebe x, mich in meiner damaligen Entscheidung versteht.